Sind alle Designprinzipien global?

Die Globalisierung ist in aller Munde. Mancher sieht darin einen Fluch, der die Originalität und das individuelle Lokalkolorit zerstört – was in vielen Fällen sicher richtig ist; man denke an lokale Formensprachen, Fertigungsmethoden, Materialien usw.

Es ist in jedem Fall richtig, dass wir gewisse Aspekte lokalen Designs vor der globalen Homogenisierung schützen
müssen. Jedoch bedeutet die zunehmende Durchdringung globalen Designs auch, dass wir als Industrie die Kernprinzipien der Zunft, die wir universell hochhalten und wertschätzen, besser schützen und verbreiten können. Hinzu kommt, dass wir Gestaltung als ein einmaliges Verschmelzen von wissenschaftlichen Problemen und Massenkunst positionieren können.

Vielleicht fragen Sie sich, um welche Prinzipien es sich dabei genau handelt. Während es eine ganze Reihe
solcher Prinzipien gibt, wollen wir uns auf drei davon konzentrieren, die weltweit hervorstechen:

Funktion

Die wohl wichtigste Gestaltungsphilosophie ist eine gesunde Auseinandersetzung mit Funktionalität. Egal, ob Sie ein Produkt-/Industriedesigner, technischer Berater oder Architekt
sind – die Funktion sollte immer das Wesen des Projekts bestimmen.

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Die Rolle der Funktion ist für die Gestaltungspraxis so allumfassend, dass sie lokale Design-Communitys
übersteigt. Die skandinavischen Designer bewerten Funktion höher als alles andere.  Ebenso die Italiener, die
Japaner, Australier usw. Warum auch nicht? Funktionalität sollte die erste Priorität jeder Gestaltungsdisziplin sein. Darum darf es auch nicht überraschen, dass sie im Design so weit oben auf der Liste globaler Prinzipien steht.

Beispiele aus der Welt

  • Produkt-/Industriedesign: Stay-brella von Nendo (Japan)
  • Architektur: One Central Park Wohn- und Einkaufsareal, von Jean Nouvel, Koichi Takada, Smart Design Studio und Frasers Property (Sydney)
  • Innenarchitektur: Grand Central Terminal Building, 1871 gestaltet von Cornelius Vanderbilt, Alfred T. Fellheimer, John B. Snook und John Wellborn Root (New York)

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Ausgewogenheit und Rhythmus

Ausgewogenheit und Rhythmus sind etwas anspruchsvollere globale Prinzipien des Designs. Denn klar ist: Ihr
Projekt muss mehr als nur funktionell sein. Es muss auch ausgewogen ein. Im Design schafft Ausgewogenheit ein Gefühl der Balance. Es geht darum, die physischen und metaphysischen Elemente eines Projekts oder Produkts in Ausgleich zu bringen oder anzunähern. Außerdem muss Design immer einen gangbaren Rhythmus in Bezug darauf finden, das Nutzerverhalten zu leiten und positiv zu beeinflussen und dabei auch eine angenehme Atmosphäre herzustellen.
Wie in der Musik geht es auch im Design darum, Muster aus Wiederholungen und Kontrasten zu schaffen, um den Betrachter/Nutzer visuell und mental anzusprechen.

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Wann genau ein Raum als rhythmisch und ausgewogen empfunden wird, variiert sehr stark zwischen den kulturellen
Zentren der Welt. Was in Nahost als stimmungsvoll und ausgeglichen wahrgenommen wird, sehen Nordamerikaner vielleicht ganz anders. Die Grundprinzipien von Ausgewogenheit und Rhythmus sind jedoch, wenn man die Detailgestaltung außen vor lässt, in jedem Fall weltweit gültige Elemente des Designs, und das zurecht.

Beispiele aus der Welt

  • Produkt-/Industriedesign: The Roundish Chair von Naoto Fukasawa for Maruni (Japan)
  • Architektur: Sydney Opera House, Design von Jørn Utzon (Sydney)
  • Innenarchitektur: The Living Office von Herman Miller (USA)

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Details und Harmonie

Der Teufel liegt im Detail, so lautet ein Sprichwort. Und es enthält viel Wahrheit. Denn während jedes Land
und jede Kultur ihre gestalteten Objekte verziert (oder auch bewusst auf Verzierungen verzichtet), ist die Betonung von Details als Methode zur Kommunikation einer bestimmten Aussage nicht nur sehr wichtig, sondern auch eine
universale Gestaltungspraxis.

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Harmonie entsteht, wenn alle Einzelheiten im Zusammenspiel eine einheitliche Aussage vermitteln. Rhythmus allein bewirkt vielleicht Aufregung; Harmonie sorgt für ein Gefühl von Ruhe, Produktivität oder Energie – je nach dem Verlauf oder Zweck der Details. Beispielsweise kann man Harmonie mit nur einer Farbe oder Schnitzerei erschaffen oder auch durch das Kontrastieren von Materialien und Ähnlichem.

Details und Harmonie mögen als Gestaltungsprinzipien etwas oberflächlich erscheinen. Dennoch sind sie genauso
unentbehrlich für das universelle Design wie Funktionalität, Ausgewogenheit und Rhythmus. Warum dem so ist? Weil die Fähigkeit des Designs, eine Idee zu vermitteln und darauf einzugehen, wie eine Person denkt – und zwar über den
rein praktischen Aspekt hinaus –Teil dessen ist, was die Design-Industrie so erfolgreich macht.

Beispiele aus der Welt

  • Produkt-/Industriedesign: The Lemon Squeezer von Philippe Starck für Alessi (Frankreich)
  • Architektur: Basilius-Kathedrale von Petrus Antonius Solarius (Russland)
  • Innenarchitektur: Guggenheim Museum von Frank Gehry (Spanien)

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