Carl Fieger: der Wegbegleiter von Walter Gropius

Nachdem Carl Fieger (1893-1960) sein Hochbau- und Innenarchitekturstudium an der Kunst- und Gewerbeschule Mainz abgeschlossen hatte, arbeitete er ab 1911 in Berlin für das Büro von Peter Behrens, einem der einflussreichsten deutschen Gestalter des 20. Jahrhunderts.

Dort lernte er bekannte Architekten kennen, wie Ludwig Mies van der Rohe, Le Corbusier und Walter Gropius, der ihn nur ein Jahr später als Entwurfszeichner in seinem privaten Baubüro anstellte. Mit der Zeit wurde er zu einem seiner engsten Mitarbeiter und wirkte dank seines großen Zeichentalents an vielen ikonischen Bauten der Moderne mit, darunter der Erweiterungsbau des Fagus-Werks in Alfred, das Bauhausgebäude und die Meisterhäuser in Dessau. Carl Fieger war als Zeichner bei diesen Projekten für die Umsetzung der Kernideen des Bauhausgründers zuständig – sein Name jedoch tauchte nirgends auf, denn Walter Gropius galt als Architekt dieser Bauwerke.

Zwischen 1925 und 1928 war Fieger selbst auf Empfehlung Gropius’ als Lehrer am Staatlichen Bauhaus in Dessau tätig und unterrichte in den Fächern Fachzeichnen und darstellende Geometrie. In dieser Zeit entwarf er auch sein eigenes Wohnhaus in Dessau-Törten, dessen Architektur sich von den Bauten Gropius’ deutlich abhob. Das kubische 74 qm große Gebäude stattete Carl Fieger mit einem halbrunden Treppenhaus sowie einer Dachterrasse aus – und auch die Inneneinrichtung war Teil seines Entwurfs. Eines seiner bekanntesten Bauten ist jedoch das Kornhaus am Ufer der Elbe, das am 6. Juni 1930 eröffnet und schnell zu einer beliebten Ausflugsstätte wurde. Besonders auffällig ist der gläserne, beinahe kreisförmige Wintergarten, der an eine Schiffsbrücke erinnert und einen Ausblick über die Elbe ermöglicht. Der Name „Kornhaus“ geht außerdem zurück auf einen Getreidespeicher, der bis in die 1870er Jahre an diesem Ort gestanden hatte.

Obwohl Carl Fieger ab 1934 durch die Nationalsozialisten ein Berufsverbot erhielt, setzte er seine Arbeit anonym fort und lebte bis 1945 in Berlin. Anschließend kehrte er nach Dessau zurück. Später konnte er seine am Bauhaus gesammelten Erfahrungen als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Deutschen Bauakademie Berlin (Ost) umsetzen, so dass er 1953 den ersten Plattenbau der DDR in Berlin realisierte. Dieser war auf den ersten Blick nicht als solcher erkennbar, denn die Konstruktion verbarg sich hinter einer traditionellen Fassade.

Nur kurze Zeit später erkrankte Carl Fieger schwer, so dass er seinen Beruf aufgeben musste und 1960 in Dessau verstarb. Nur zwei Jahre danach fand die erste Ausstellung zu seinem architektonischen Schaffen statt.

Portrait Carl Fieger

Kohlezeichnung der Meisterhäsuer in Dessau © Projekt MIK e.V.

© Thomas Guffler, Kornhaus Dessau 14, CC BY-SA 3.0

M_H.DE, Kornhaus Dessau, Straßenseite, CC BY-SA 3.0

Einen Überblick über alle bisher verfügbaren Stories erhalten Sie unter www.interface.com/100stories.

 

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on LinkedInEmail this to someone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ähnliche Artikel