Siedlungsbau 2/5: Neues Frankfurt – standardisiertes Bauen

War das Bauhaus die Lehranstalt des „Neuen Bauens“, war das „Neue Frankfurt“ die Realisierung der Lehre in einem immensen Umfang und markierte ein parallel zum Bauhaus entstehendes Zentrum des Aufbruchs. Der zuständige Architekt und Stadtplaner Ernst May (1886–1970) arbeitete unter anderem mit den wegweisenden Köpfen des Bauhauses zusammen, wie Walter Gropius, Bruno Taut und Mart Stam. Das „Neue Frankfurt“ hatte das Ziel, durch Stadtplanung, Architektur und Design den Alltag zu erleichtern.

Zwischen 1925 und 1930 entstanden in Frankfurt zahlreiche Siedlungsprojekte mit gut 15.000 Wohneinheiten. Sie gehören neben der Weissenhofsiedlung in Stuttgart und dem Bauhaus in Dessau zu den bemerkenswertesten Bauten der Weimarer Zeit und verliehen der Stadt Frankfurt den entscheidenden Schub in die Moderne. Den Startschuss markierte Ernst Mays Entwurf aus dem Jahr 1925 für 10.000 neue Sozialwohnungen. Er beinhaltete unter anderem die Kategorisierung familienorientierter Wohnungen, bezahlbare Grundrisse, die „Frankfurter Küche“ – die weltweit erste von Margarete Schütte-Lihotzky entwickelte Einbauküche, industrielle Vorfertigung des Rohbaus, funktionales Mobiliar, integrierte Grünplanung und mehr. So sollten die Häuser beispielsweise einen Bezug zur natürlichen Umwelt haben, was bedeutete, dass zwischen den Siedlungen Grünflächen angelegt wurden, die die Basis des heutigen Frankfurter Grüngürtels bildeten. Zudem sollten Nutzgärten den Bewohnern ein gewisses Maß an Selbstversorgung in schwierigen Zeiten ermöglichen.

Das „Neue Frankfurt“ erstreckte sich also von den Gebäuden in den Außenbereich, aber auch im Innern bis ins Detail, denn, so Ernst May: „Ein Grundriss mag noch so organisch aufgebaut sein, die Abmessungen mögen noch so zweckmäßig berechnet werden, die ästhetischen Verhältnisse der Räume mögen noch so glücklich sein, im Augenblick wo der übliche minderwertige Hausrat seinen Einzug hält, schwindet die Harmonie.“ Bis 1930 entstanden nach den eigens aufgestellten Regeln sieben Siedlungen des „Neuen Frankfurt“. Sie zählen neben der Weissenhofsiedlung in Stuttgart und dem Bauhaus in Dessau zu den Architekturbeispielen der Moderne in Deutschland, die international Beachtung fanden. Es wurde nicht nur in kurzer Zeit effektiv gegen die Wohnungsnot angegangen, es wurden auch Maßstäbe gesetzt, die bis heute nachwirken.

Charakteristischer Rundbau © Peng, Ernstmay2, CC BY-SA 3.0

Türknauf und Türklinke entworfen von Ferdinand Kramer © Christos Vittoratos, Kramer-neues-frankfurt, CC BY-SA 3.0

Gesellschaftshaus des Palmengartens Frankfurt am Main im September 2012 © Toddy, Gesellschaftshaus 1, CC BY-SA 3.0

Einen Überblick über alle bisher verfügbaren Stories erhalten Sie unter www.interface.com/100stories.

 

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