Frauen am Bauhaus: im Schatten der Meister

Als Lehrling aufgenommen wird jede unbescholtene Person ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, deren Begabung und Vorbildung vom Meisterrat als ausreichend erachtet wird.“ Dies verkündete der Gründer des Bauhaus Walter Gropius im Zuge der Eröffnung im Jahr 1919.

Vor der Gründung der Weimarer Republik hatten Frauen bis auf wenige Ausnahmen keinen Zugang zu Kunstakademien und konnten nur in teuren privaten Unterrichtsstunden ihre künstlerischen Fähigkeiten weiter ausbilden. Kein Wunder also, dass sich im Sommersemester 1919 am Weimarer Bauhaus 84 Frauen und 79 Männer bewarben – angezogen von dem visionären Charakter der Schule und der revolutionären Verbindung zwischen Handwerk und Kunst. Mit diesem Andrang hatte Gropius nicht gerechnet, besonders nicht mit dem deutlich höheren Frauenanteil. So wurden Frauen überwiegend in der Weberei untergebracht und ihre Anzahl so gering wie möglich gehalten, denn viele Meister befürchteten, die weiblichen Studierenden könnten den Männern die begehrten Werkstattplätze wegnehmen. So agierten sie im Schatten ihrer männlichen Kollegen – aber das nicht weniger erfolgreich. Dörte Helm war eine derjenigen, die sich einen Platz abseits der Weberei, in der Wandmalerei- und Textilwerkstatt sichern konnte. Unterrichtet wurde sie unter anderem von Oskar Schlemmer, Johannes Itten und Georg Muche und legte 1922 vor der Weimarer Handwerkskammer die Gesellenprüfung als Dekorationsmalerin ab.

Lotte Beese

Auch Lotte Beese studierte nicht nur in der Weberei, sondern auch in der Bauabteilung des Bauhaus – dort war sie 1927 die erste Frau. Geboren 1903 in Reisicht (Schlesien) lernte Lotte Beese nach dem Abitur Stenographie und Schreibmaschine. Anschließend fand sie ihre erste Arbeit als Bürokraft bei den Deutschen Werkstätten in Dresden-Hellerau, die ihr später einen Platz in der hauseigenen Weberei anboten. Dort eignete sie sich die Grundlagen des Webens an, so dass sie sich wenig später am Bauhaus in Dessau bewarb. Nachdem sie dort die Grundlehre absolvierte und Kurse bei Wassily Kandinsky, Joost Schmidt und Josef Albers besuchte, wechselte sie in die Webereiwerkstatt. Da sie sich jedoch sehr für Fotografie und Architektur interessierte, besuchte sie nebenbei immer wieder Kurse mit entsprechendem Themenschwerpunkt. Durch dieses Engagement durfte sie als erste Frau die neu eröffnete Bauabteilung besuchen und bei Hannes Meyer und Hans Wittwer studieren. Nachdem sie das Bauhaus verlassen hatte, arbeitete sie weiterhin mit Hannes Meyer in Berlin zusammen bis sie in den 1930er Jahren ihr eigenes Architekturbüro in Amsterdam gründete und sich unter anderem dem Wiederaufbau der Stadt Rotterdam widmete. Bevor sie als Architektin arbeitete, war Lotte Beese erfolgreiche Fotografin – ihre Arbeiten gehören heute zur Sammlung des Museum of Modern Art in New York, des Arthur M. Sackler Museum und des J. Paul Getty Museum.

Gunta Stölzl

Als erste und einzige Meistern war Gunta Stölzl eine der bedeutendsten Weberinnen am Bauhaus. Geboren 1883 in der Schweiz, besuchte sie nach Abschluss der Höheren Tochterschule die Kunstgewerbeschule in München und studierte dort unter anderem Glasmalerei, Keramik und Kunstgeschichte. Anschließend arbeitete sie während des Krieges zwei Jahre als Rotkreuzschwester bevor sie 1919 am Staatlichen Bauhaus in Weimar aufgenommen wurde. Dort gestaltete sie gemeinsam mit Marcel Breuer den bekannten „Afrikanischen Stuhl“ und entwarf Stoffe für das Haus Sommerfeld von Walter Gropius. Nachdem sie die Ontons Werkstätten für Handweberei für Johannes Itten in Herrliberg eingerichtet hatte, wurde sie Werkmeistern der Webereiwerkstatt am Bauhaus, die sie als Jungmeisterin leitete. Sowohl Teppich als auch Webereien entstanden nach ihren Entwürfen und sie fertigte für einige Möbel von Marcel Breuer Textilbespannungen. Nachdem sie in die Schweiz ausgewandert war, gründete sie zusammen mit zwei weiteren Bauhaus-Absolventen in Zürich die Handweberei SPH-Stoffe und beteiligte sich 1939 an der Schweizer Nationalausstellung. Nach der Scheidung von ihrem ersten Ehemann Arieh Sharon heiratete Gunta Stötzl 1942 ein zweites Mal: den Schweizer Schriftsteller Willy Stadtler. Dadurch erlange sie die schweizerische Staatsbürgerschaft. Ihre Werke wurden sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz mehrfach ausgestellt und sind Teil internationaler Kunstmuseen.

Elsa Thiemann

Elsa Thiemann wurde 1910 in Westpreußen geboren und war Fotografin. Sie lernte an der Berliner Kunstgewerbe- und Handwerkerschule und an den Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst. Am Bauhaus studierte sie von 1929 bis 1931 und besuchte dort den Unterricht der Fotoklasse bei Walter Peterhans und nebenbei die Malklassen von Wassily Kandinsky und Paul Klee. In dieser Zeit lernte sie auch ihren späteren Mann kennen, den Maler Hans Thiemann, den sie 1947 heiratete. Nachdem Elsa Thiemann ihr Studium mit dem Bauhaus-Diplom als ausgebildete Fotografin und Werbegrafikern abgeschlossen hatte, kehrte sie nach Berlin zurück und arbeitete dort als Pressefotografin. Später wurde sie Redaktionssekretärin in der Berliner Niederlassung des Hamburger Verlages Hoffmann und Cape angestellt. Während ihrer Zeit am Bauhaus entwarf sie auch einige Tapetenmuster, die sich von denen der Bauhaus-Tapeten deutlich unterschieden: Motive wie Blüten und Früchte zeugten von einem floralen und ornamentalen Charakter, der unter anderem an den Jugendstil erinnerte. Seit 2011 können zwei ihrer Tapetenentwürfe als Geschenkpapier im bauhaus shop des Bauhaus-Archivs erworben werden.

Neben diesen drei Frauen gab es natürlich noch eine ganze Reihe weiterer Bauhausstudentinnen, die mit ihren künstlerischen Talenten und ihren Visionen die Bauhaus-Zeit prägten, wie zum Beispiel Anni Albers und Benita Koch Otte.

Lotte Beese am Bauhaus

Bauhaus-Ausweis von Gunta Stölzl

Portrait Elsa Thiemann

Einen Überblick über alle bisher verfügbaren Stories erhalten Sie unter www.interface.com/100stories.

 

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