Farbenlehre am Bauhaus

Die Farben- und Formenlehre am Bauhaus ist ab 1922 eine der weitreichendsten Ausbildungsbausteine gewesen. Die Übungen, Praxisaufgaben, theoretischen Ausführungen und Studien flossen in fast alle Unterrichtsfächer ein, die am Bauhaus in Weimar, Dessau und Berlin angeboten wurden – Malerei, Weberei, Bühnenbau, Architektur – und stellen auch in der heutigen Architektur- und Gestaltungslehre noch immer eine wichtige Grundlage dar.  

Persönlichkeiten wie Itten, Klee und Kandinsky haben die aufmerksamkeitsstärksten Spuren hinterlassen. Doch wer hat mit der genauen Betrachtung und Analyse von Farbwirkung und Farbentwicklungen angefangen? Die nachgewiesenen Farbforschungen reichen zurück bis zu dem Philosophen Demokrit (etwa 460–370 v. Chr.). Leonardo da Vinci (1452–1519), Isaac Newton (1643–1727), Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) und der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788–1860) gehören zu den geläufigsten Forschern danach.

Johannes Itten (1888–1967) war von 1919 bis 1923 am Bauhaus tätig. Er formulierte nicht unbedingt eine neue Farbentheorie, verband aber verschiedene Farbenlehren miteinander und schaffte eine Basis, auf der subjektive Farbempfindungen mit dem Wissen um objektive Grundgesetze kombiniert wurden. Er orientierte sich – ebenso wie seine Kollegen Paul Klee und Wassily Kandinsky – an historischen Künstler-Farbtheorien des 19. Jahrhunderts, beispielsweise von Goethe, Runge und Höltzel. Hinnerk Scheper und Joost Schmidt beriefen sich in den Werkstätten für Wandmalerei und Reklame eher auf die streng schematische Farbordnung des Chemie-Nobelpreisträgers Wilhelm Ostwald, welche in der Dessauer Zeit am ehesten dem Bestreben nach Normierung entsprach.

Die Harmonielehre Ittens besagt, dass sich Farben in einem harmonischen Gleichgewicht befinden, wenn das Auge sie zu einer Totalität ergänzen kann und wenn die Mischung zweier oder mehrerer Farben ein neutrales Grau ergibt. Itten ordnete in seinen Untersuchungen zum Verhältnis zwischen Farbe und Form der Farbe Rot das Quadrat, der Farbe Gelb das Dreieck und der Farbe Blau den Kreis zu. Die Qualität des Farbtons bezüglich Helligkeit und Sättigung, seine Nähe zu den polarisierenden Farben Schwarz und Weiß sowie seine Wirkungen hinsichtlich Harmonie und Kontrast waren essenzielle Studienschwerpunkte. Itten übernahm die Farbenkugel Philipp Otto Runges (1777–1810). Er entwickelte eine Farbenkugel, die die reinen Farben entlang des Äquators trägt. Ausgangspunkt sind dabei die drei subtraktiven Primärfarben Rot, Gelb und Blau, die in gleichen Abständen voneinander postiert werden, in denen jeweils drei Mischfarben erscheinen. Die Pole der Kugel sind Weiß und Schwarz. Runge wollte nicht das Verhältnis von Mischungen, sondern vor allem die Harmonien von Farben anschaulich erfassen. Er wollte Ordnung in die Gesamtheit der möglichen Farben bringen und suchte nach dem idealen Farbkörper. Itten ergänzte seinen Kreis um die Ausrichtungen Hell-Dunkel und Kalt-Warm.

Im Rahmen der bildnerischen Formenlehre war die Farbenlehre erstmals 1922/23 Gegenstand des Unterrichts von Paul Klee (1879–1940). Seine Lehre fußte auf schon Dagewesenem. Dennoch gelangte er zu einem eigenen theoretischen Konzept, dessen Besonderheit in der Komponente des Bewegungsmoments der Farbe beruht. Klee untersuchte die Farben nicht isoliert, sondern erfasste ihre Reichweite auf der Peripherie des Farbkreises. Den Ausgangpunkt bildete für Klee der Regenbogen, den er zum sechsteiligen Farbkreis schloss. Sein Ziel: die Schaffung eines ideellen Malkastens als Farbenreihe, in der Farben eine wohlbegründete Ordnung erfahren. Ausgehend von den diametralen Farbpaaren Rot-Grün, Gelb-Violett, Orange-Blau entstanden durch eine Drehung des Kreises weitere differenzierte Paare. Den Übergang von der Reihe zum Kreis entschied Klee als Pendelbewegung, welche zur Kreisbewegung wird. Alles in allem benannte er einen „Kanon der Totalität“, der die Entwicklungen zu warmen/kalten, diametral zu den Komplementärfarben und den polaren Bewegungen zu Schwarz und Weiß umfasste.

Wassiliy Kandinsky (1866–1944) unterrichtete am Bauhaus neben analytischem Zeichnen auch Farbenlehre. Die Wirkung der Farbe unterschied er in physische und psychische Wirkung. Er besaß eine außergewöhnliche bildnerische Intelligenz und hatte ein ausgeprägtes Empfinden für Farbe und Form. Er ordnete den Farben tiefere Bedeutungen und Assoziationen zu und stellte sie in Gegensatzpaaren gegenüber:

  • Blau (kalt, Himmel, Übersinnliches, Unendlichkeit und Ruhe, konzentrisch) und Gelb (warm, irdisch bis zu aufdringlich, aggressiv, exzentrisch)
  • Schwarz (dunkel) und Weiß (hell)

In seiner Lehre thematisierte er isolierte Farbe, Farbensystematik, Gesetze der Spannungen, Wirkungen und Zweckmäßigkeiten – eine Aufgabe am Ende des ersten Semesters war, ein kompositorisches Gleichgewicht innerhalb eines Rasters aus neun Quadraten, unterteilt in 18 Rechtecke unter Verwendung der Primär- und Sekundärfarben sowie Schwarz, Weiß und Grau herzustellen.

Abschließend lässt sich also sagen, dass am Bauhaus keine einheitliche Farbenlehre existierte. Jeder Lehrer setzte individuelle Schwerpunkte, wobei sich alle in der Wichtigkeit ihres Auftrags und bezüglich der unbegrenzten Variations- und Differenzierungsmöglichkeiten von Farbe einig waren.

Einen Überblick über alle bisher verfügbaren Stories erhalten Sie unter www.interface.com/100stories.

Paul Klee – Senecio, 1922, Öl auf Gaze, Kunstmuseum Basel, Basel

Paul Klee, Fotografie von Alexander Eliasberg, 1911

Farbkreis nach Itten – © Originally by Malte Ahrens

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