Lösungsansätze, den CO2-Fußabdruck für Baumaterialien zu reduzieren

Der Klimawandel und seine Folgen sind im Gebäudesektor angekommen. Neben dem Energieverbrauch in der Nutzungsphase geht der Fokus zunehmend auf die verbauten Emissionen, das sogenannte Embodied Carbon. Das sind die Emissionen, die während der Herstellung der Baumaterialien, des Transports und dem eigentlichen Bau des Gebäudes verursacht werden. Zahlreiche Pilotprojekte für neue Bauweisen zeigen dazu verschiedene Lösungsansätze auf. Eines ist jedoch klar: Die Zeit drängt, von der Pilot- in die Serienphase überzugehen.

Verbaute Emissionen zu reduzieren, gilt sowohl für die Herstellung der Baukonstruktion als auch für das Interior Design. Hier sind besonders die Bauherren, Planer und Hersteller gefragt. Welche grundsätzlichen Lösungsansätze gibt es und was macht nachhaltige Baumaterialien aus? Zwei Fragen, auf die wir im folgenden Antworten geben und unsere Sichtweise als Hersteller darstellen möchten.

Lösungsansätze für die CO2-Reduzierung

Grundsätzlich gibt es drei wesentliche Lösungsansätze, CO2 bei den verbauten Emissionen zu vermeiden:

  1. mit weniger Material und weniger neuen Flächen planen
  2. andere Materialien nutzen
  3. konventionelle Materialien dekarbonisieren

Planer stellen dabei die Weichen für die nachfolgenden Prozesse, denn das Potenzial zur Reduzierung von Emissionen nimmt rascher ab, je weiter ein Projekt entwickelt ist.

Lösungsansätze und Instrumente, um CO2 in Baumaterialien zu reduzieren | © Interface

Die Konzepte, Tools und Maßnahmen dieser drei Ansätze sind vielfältig. Besonders interessant und effektiv ist die Lebenszyklusanalyse (engl.: Life Cycle Assessment – LCA).

LCA als Entscheidungshilfe im Planungsprozess

Die LCA ist ein Planungsinstrument, das auf Baumaterialien und das gesamte Gebäude angewendet werden kann. Sie dient der Produkt-, Prozess- und Gebäudeoptimierung sowie als Entscheidungshilfe für Produktbewertungen.

Mit der LCA werden die potenziellen Umweltwirkungen und die Energiebilanz eines Produkts oder des gesamten Gebäudes untersucht. Betrachtet werden alle Phasen eines Lebenszyklus:

  • die Herstellung
  • die Montage
  • die Nutzungsphase
  • das Produktlebensende verbunden mit dem Potenzial für Reuse und Recycling

CO2-Optimierungen entlang des Lebenszyklus | © Interface

Mit diesem Instrument werden systematisch potenzielle CO2-Reduzierungen in den verschiedenen Lebensphasen der Produkte oder des Gebäudes aufgespürt und können dann Schritt für Schritt umgesetzt werden. Das fängt bereits bei der Auswahl der Materialien an: Modulare Lösungen mit biobasierten und/oder recycelten Materialien sind petrochemischen Lösungen zu bevorzugen. Das Produktdesign sollte auf einfache Installation, Reparatur, Ersatz, Umbau, Erneuerung sowie die Reuse- oder Recyclingfähigkeit des Produkts und seiner Materialien geprüft werden. Voraussetzung für die Wiederverwendung oder -verwertung des Produkts oder seiner Materialien ist ein Rücknahmeprogramm. Die Ergebnisse sollten dokumentiert und je nach Produkt über einen langen Zeitraum abrufbar sein.

Es ist sinnvoll, die Systemgrenzen (cradle-to-gate, cradle-to-end-of-life, cradle-to-cradle) vor jeder Analyse zu definieren. Diese können je nach Produkt und Ziel der Analyse unterschiedlich sein. Ebenso ist zu klären, welche Kriterien, ergänzend zum CO2-Fußabdruck, und welche weiteren Umweltdaten für die Entscheidung herangezogen werden sollen. Besteht ein komplettes Bauteil aus mehreren Komponenten, sollten diese alle eine individuelle LCA durchlaufen sowie die Phase der Installation und der Zusammenführung von Baukomponenten zu Bauprodukten besonders genau betrachtet werden.

Zudem sollten weitere Kriterien über die Betrachtung der LCA hinaus abgefragt werden:

  • Unterstützt der Hersteller die Installation des Produkts im Gebäude mit Informationen oder Lösungen, die Reuse und Recycling des Produkts vereinfachen?
  • Gibt es Services zur Verlängerung der Nutzungsdauer und ein Rücknahmeprogramm mit etablierten Prozessen am Ende der Nutzungsdauer?
  • Arbeitet der Hersteller kontinuierlich an weiteren Optimierungen des CO2-Fußabdrucks seiner Produkte (PCF – Product Carbon Footprint) und des Unternehmens (CCF – Corporate Carbon Footprint)?
  • Stellt der Hersteller valide, messbare Daten auf Produkt- und Unternehmensebene zur Verfügung? Sind diese transparent und einfach zugänglich?

EPDs liefern Zahlen, Daten und Fakten für potenzielle Umweltwirkungen

Die Umweltproduktdeklaration, die sogenannte EPD (engl.: Environmental Product Declaration), liefert Informationen zu möglichen Umweltauswirkungen eines Produkts über den gesamten Lebenszyklus. EPDs werden von unabhängigen Instituten erstellt, sind damit dritt-verifiziert und valide. Im Gegensatz zu Umweltlabeln, die eine qualitative Aussage zu vorher definierten Anforderungen eines Produkts geben, liefern EPDs konkrete Ergebnisse. Sie dienen als Faktencheck und vereinfachen z. B. Simulationen mit Hilfe von BIM-Software oder Gebäudezertifizierungen nach DGNB, BNB, LEED und BREEAM deutlich.

Kreislaufwirtschaft als vielversprechendste Lösung

Das Ziel der Kreislaufwirtschaft ist es, möglichst sparsam insbesondere mit knappen Ressourcen umzugehen. Dies soll mit verlangsamten, geschlossenen und minimierten Materialkreisläufen erreicht werden. Das mag für viele noch utopisch klingen, doch sie wird immer realer und zunehmend konkreter umgesetzt.

Wahrscheinlich ist es nicht möglich, den Materialkreislauf eines Produkts zu 100 % zu schließen, aber viele Hersteller arbeiten daran, diesem Ziel näher zu kommen. Dabei wird auch berücksichtigt, ob die Abfälle einer Branche für eine andere nützlich sein können.

Interface hat in den USA bereits einen nahezu geschlossenen Materialkreislauf und arbeitet intensiv daran, ihn weltweit umzusetzen. Das Erreichen dieses Ziels rückt dabei in greifbarer Nähe.

Kreislaufwirtschaft am Beispiel textile Bodenbeläge | © Interface

Interface setzt mit seinen modularen Bodenbelägen darauf, Abfall auf ein Minimum zu reduzieren, erdölbasierte Primärstoffe gegen biobasierte und recycelte Materialien zu ersetzen, die Nutzungsdauer zu verlängern sowie den Rücknahmeprozess auf Wiederverwendung (Reuse) auszurichten.

Hierzu ein paar Daten und Fakten:

  • Die textilen Bodenbeläge von Interface bestehen aus durchschnittlich 88 % biobasierten und recycelten Materialien.
  • Für die Nutzschicht der Teppichfliesen werden bis zu 100 % recyceltes Garn eingesetzt.
  • Interface setzt auf biobasierte Materialien mit einem hohen Anteil an gebundenem Kohlenstoff als Grundbaustein in den Teppichfliesen und bietet als erster Hersteller CO2-negative Teppichfliesen mit einem CO2-Fußabdruck von bis zu -1,1 kg CO2e/m² an.
  • Das Produktdesign ist auf Reuse und Recycling ausgerichtet.
  • Mit dem eigens entwickelten Installationssystem TacTiles® können Teppichfliesen ohne flüssigen Klebstoff installiert und rückstandsfrei demontiert werden. Das schafft beste Voraussetzungen für Reuse und Recycling.
  • Support hinsichtlich Reinigung und Pflege, auch vor Ort, sowie Ersatz oder Erneuerung einzelner Fliesen auch im laufenden Betrieb verlängern die Nutzungsdauer des gesamten Bodenbelags.
  • Hochqualitative Materialien und Produktionsprozesse garantieren eine Nutzungsdauer von mindestens 15 Jahren.
  • Weltweit gehen 70 % der gebrauchten und zurückgenommen Teppichfliesen in Reuse- oder Recyclingprozesse. Möglich macht dies das Rücknahmeprogramm ReEntry®. ReUse, also die Wiederverwendung, steht dabei an erster Stelle und erfolgt in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern.

 

 

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